The Martian (Andy Weir) Review

01 Aug, 2013 · Sascha · Literatur,Review

martianhab

Update: The Martian ist ab sofort erhältlich. (Amazon-Partnerlink), Photo via Mars Society

Neben den Qualitfikationen in ihren Disziplin spielt bei der Auswahl von Astronauten die Fähgikeit, nicht die Nerven zu verlieren, die größte Rolle. Dass wenn, wie der Engländer sagt “die Scheiße den Ventilator trifft”, der Astronaut trotzdem noch die Übersicht behält und dann genau die klugen Entscheidungen trifft, wenn sonst jeder andere Mensch versagen würde.

Mark Watney ist daher eine ausgezeichnete Wahl gewesen. Er sitzt nämlich in der schlimmsten Situation fest, in der ein Mensch in der Geschichte jemals war. Denn in der nahen Zukunft wird er bei der dritten Expedition zum Mars für tot gehalten und bei einer turbulenten Evakuierung auf dem Mars zurückgelassen. Doch er hat überlebt. Was ihn jedoch traf, durchbohrte und das Einschlagsloch perfekt versiegelte, war die Kommunikationsantenne des Marshabitats – und die einzige Kontaktmöglichkeit zur Erde. Mark Watnes lebt. Und ist alleine. Auf dem Mars.

Das Beste an Andy Weirs Roman ist der Ton. Watney ist ein großartiger Charakter, der selbst in dieser Situation nicht seinen Sinn zu Scherzen verliert. Die Verzweiflung seiner Situation drückt er durch sein Fluchen aus; so ist sein erster Satz “I’m fucked”. Während er annimmt, dass auf der Erde gerade Trauerfeiern und symbolischer Beerdigungen für ihn stattfinden, führt er ein Tagebuch für Ares 4, die nächste Marslandung in rund 4 Jahren. Selbst mit dem Proviant, der für 6 Crewmitglieder ausgelegt ist und einer ordentlichen Diät, würde er gerade mal nur so knapp über ein Jahr hinaus überleben. Doch Watney verliert nicht die Hoffnung.

Er ist Botaniker und hat Erdproben dabei. Während seiner Mission sollte diese nutzen um Kartoffeln zu züchten – und genau das wird er jetzt tun. Sein Habitat funktioniert er zum Treibhaus um. Weir geht dabei strikt wissenschaftlich vor. Das Buch ist eine kleine Herausforderung, aber Science-Fiction-Fans werden ganz auf ihre Kosten kommen. Weir rechnet einem mit Quadratmetern Anbaufläche, Kubikmetern Wasser und den Instrumenten, die Watney zur Verfügung stehen, vor, wie ein Astronaut tatsächlich in dieser Situation überleben könnte. Zumindest für eine Weile. Watneys Beschreibungen sind dabei, wie sich das für einen Botaniker / Ingeneur gehört, sehr detailliert. Die NASA soll später basierend auf seinem Logbuch genau nachvollziehen können, welche Schritte er unternommen hat; wie er überleben konnte oder woran er starb.

Gerade wenn Watneys detailliertes Wissenschaftsessay droht ein wenig langweilig zu werden und es so aussieht, als ob er tatsächlich über Jahre hinweg in diesem kleinen Raum überleben könnte (Problem: Selbst wenn Watney überleben würde, er müsste über 3000km zur ungefähren Landefläche von Ares 4 kommen), macht Weir etwas, das in der Literatur oft als Anfängerfehler oder nur sehr schwierig umzusetzen angesehen wird: Er bricht die Perspektive und wir befinden uns auf der Erde bei der NASA. Wir erfahren, wie sich der Direktor und seine Mitarbeiter verhalten und wie man den Fall Ares 3 / Watney behandelt. Durch einen Routinecheck bemerkt ein Mitarbeiter, dass sich etwas außerhalb des Habs bewegt hat. Eins führt zum Anderen und die NASA muss die furchtbare Tatsache feststellen, dass Watney am Leben ist.

Es entwickelt sich ein großartiges Hin und Her zwischen einem auf dem Mars werkelnden Watney und der NASA (deren Photos für die Öffentlichkeit zugänglich sind), die sich Gedanken machen muss, wie man mit der Situation öffentlich umgeht, ob und wie man das der sich auf dem Heimweg befinden Ares 3 Crew erzählt und ob es eine Chance auf Rettung für oder Kontaktmöglichkeit zu Watney gibt. Es ist ein Geniestreich seitens Weir und er geht vollends auf. Die Geschichten sind komplementär und nie langweilig. Das Pacing ist einnehmend, ständig will man wissen, was sich gerade auf der anderen Seite tut.

Andy Weir schafft es in seinem Roman sowohl den wissenschaftlichen Aspekt der Geschichte vollkommen zu beleuchten und die menschlichen Momente nicht zu vergessen. Während Watney ein ausgereifter Charakter ist, müssen jedoch die meisten anderen Figuren eher bekannte One-Note Rollen übernehmen, die aber im Gesamtgefüge komplett funktionieren. Eine genauere Charakterisierung für die vielen Nebencharaktere wäre ohnehin durch den Perspektivenwechsel nur schwierig zu vollziehen. So bleiben wir oft bei Watney und lernen ihn besser kennen und sein Einfallreichtum und seinen Humor zu schätzen. Das Buch ist wirklich enorm lustig, das kann ich nicht genug unterstreichen.

Die Geschichte nimmt teilweise wahnwitzige Züge an, die aber allesamt realistisch sind und mit heutiger Technik umzusetzen wären. Weirs Roman trifft aber auch einen schmerzhaften Punkt. Wir fliegen seit Jahrzehnten nicht mehr weiter als das Orbit der Erde. Bemannte Raumfahrtmissionen sind von der NASA seit dem Ende des Space Shuttle Programms ebenfalls beendet. Vielleicht könnten wir schon den Mars besuchen, wenn wir nur zusammenarbeiten würden. Denn wenn wir dies tun, oder dazu gezwungen werden wie im Fall der Geschichte, können wir Großartiges leisten.

Weirs Roman ist daher unglaublich inspirierend und lässt Space-Enthusiasten mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück. Doch die Geschichte ist viel größer als das. Es geht um den Kampf eines Mannes mit dem Sinn seiner Existenz und der Gleichgültigkeit des Universums. Es geht um den Kampf von Wissenschaft gegen politische Öffentlichkeitsarbeit, einem Stellvertreterkrieg der Macher gegen die Laberer. Mark Watney ist ein Macher. Seine Geschichte auf dem Mars ist inspirierend, gut recherchiert und spannend. Die letzten 200 Seiten kann man das Buch nicht beiseite legen.

divbar

Andy Weir ist im Netz wahrscheinlich bisher am meisten für seine virale Kurzgeschichte The Egg bekannt. Seine selbst veröffentlichte Kindle Version von The Martian hatte ich glücklicherweise letztes Jahr durch einen Tipp von meinem Roommate in Montana gekauft und erst jetzt gelesen. Vor Kurzem verkaufte er die Lizenz und sogar eine Filmadaption ist in Planung. Drew Goddard (Cloverfield, The Cabin in the Woods) soll Regie führen. Das macht mich glücklich. Die gebundene Ausgabe von Del Rey erscheint im Februar 2014 oder die Audio-Ausgabe.

  • DerBesserwisser

    There can only be one original Martian => http://media.tumblr.com/tumblr_lwwl51Sw2s1qh35ht.png

    Danke für den Buchtipp, bin zwar nicht ganz so begeistert – der Tagebuchstil wirkt für mich eher aufgesetzt, und er ist mir psychisch zu robust, und zu “innovationsfreudig”. Stellenweise fühle ich mich auch etwas an MacGyver auf dem Mars (http://www.themoviedb.org/movie/8870-red-planet) erinnert.
    Aber trotzdem gutes Buch, dass sich wirklich gut ließt (bin erst bei etwa 50%).

  • Sascha

    Hui, du hast aber dann schon weit gelesen. Stimme dir zu, Watney ist mir auch ein wenig zu robust gewesen. So einen Meltdown hätte ich dann doch schon erwartet, aber das hätte er sich in den Situationen eben oft nicht leisten können. Dazu schreibt er eben oft sehr akribisch seine Leistungen auf, aber eben nicht unbedingt immer seinen Gemütszustand. In dem Tagebuchstil ist das eben schwierig. Denke bei der Filmumsetzung dürfte dabei dann mehr Platz sein. Freut mich aber sehr, dass es dir ganz gut gefällt. Das ist immer das Ziel von solchen Texten :)

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  • Thomas

    Kleine Korrektur zu deiner Review: Er sollte in der mitgebrachten Erde Gräser züchten, also etwas, was halbwegs robust und widerstandsfähig ist. Dass er rohe und unbehandelte Kartoffeln bei hatte, war nur ein Zufall, weil die Mission über Thanksgiving geplant war und man bei der NASA dachte, dass es gut für die Moral wäre, wenn die Mannschaft das Festtagsgericht selber zubereitet. Ist auch ein schönes Beispiel für die Detailverliebtheit von Weir.

    Mich hat der charakterliche Robustheit von Watney streckenweise auch etwas gestört. Auf der anderen Seite ist das durchaus plausibel und glaubhaft, wenn man mal Texte oder Bücher von echten Astronauten liest. Hatte vor kurzem das Buch von Hadfield gelesen und das ist trieft auch nur so von Optimismus und gibt auch Einblick in die Art, wie diese Menschen denken. Die trainieren auch wirklich jedes denkbare Szenario, sind auf vieles vorbereitet und kennen ihr Equipment. Es ist also kein Zufall, dass er wie MacGyver alles verbastelt, was ihm in die Hände fällt.

    Der Perspektivenwechsel geht vollkommen in Ordnung, nur kommt er etwas spät. Er hätte ihn vielleicht etwas früher einflechten können, um den Leser nicht so zu erschrecken, aber gut..

    Bin selber erst bei 75%, wollt aber schon mal danke sagen für den Tipp. Großartiges Buch. Danke!

  • Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Okay. Kann aber auch sein, dass das zwischen Buchveröffentlichung durch den Verlag und meiner Version, die er selbst bei Amazon vertickte, geändert wurde.

  • Thomas

    Ja, den Gedanken hatte ich auch. Andererseits scheint sich Weir ja sehr gut mit den Prozessen und der Denke bei der NASA auszukennen, daher würde es mich wundern, wenn das Verlagslektorat auf dieser Detailebene eingreift. Aber ist ja auch egal, nach anderthalb Jahren werde ich mich daran auch nicht mehr erinnern und falls es doch Änderungen zwischen den Versionen gab, dann ist die neue Version immer noch genauso gut, wie du uns versprochen hast :)

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