“I can’t stop you. But you can’t stop me from helping you.”

Shows mit Ensemblecasts haben es nicht leicht. Je größer die Anzahl der Figuren in der Serie, desto mehr muss man die Screentime unter diesen aufteilen. Einige Serien tun dies verdammt gut, wie Game of Thrones oder Boardwalk Empire, doch in sie alle schulden in jüngster Erinnerung der Serie LOST, die bewies, wie man selbst mit den wenigstens Mitteln die unterschiedlichsten Charaktere, die auf einer Insel gestrandet sind, schaffen kann.

The Walking Dead kann viel von LOST profitieren und lernen. Beide Shows handeln davon, dass eine Gruppe von wild zusammengewürfelten Charakteren nach einem dramatischen Event zusammenarbeiten müssen. LOST hat dabei das gleiche Defizit wie Walking Dead gegenüber anderen Shows. Es ist natürlich, dass die Figuren auf Grund des Settings eher nahe beieinander bleiben, bei den Zombies noch eher als bei LOST. Die Gesetze dieser Welt bestimmen, dass die Überlebenschance unter Leuten größer ist. Die schlimmste sich daraus ergebene Konsequenz ist ein Lagerkollaps.

Diesen hat The Walking Dead nicht ganz überwunden hat, aber nach der sich im Schneckentempo fortbewegenden zweiten Staffel auf der Farm hat man große Fortschritte gemacht. Lagerkollaps gab es bei LOST nie. Durch die geschickte Idee der Flashbacks konnte man diesen immer klug umgehen und die Notwendigkeit der Umgebung forcierte die Figuren in kleinen Gruppen in den Dschungel, in denen man in Verbindung mit Hintergrundinformationen auf den Charakter der Figuren eingehen konnte. The Walking Dead hat sich fast immer bisher in bequeme Situationen geschrieben in denen das nicht nötig war. Ein Camp. Eine Seuchenzentrum. Eine Farm. Ein Gefängnis.

Sollte die Serie dem Comic folgen, wird es nach dem Gefängnis auf die Straße gehen, auf einen langen, harten Weg Richtung Norden. Es werden Horden kommen und Menschen, die den Governor wie eine netten Chihuahua aussehen lassen. Die vierte Staffel könnte essentiell das Leitmotiv der Serie ausbauen und dabei den Figuren endlich die Zeit zukommen lassen, die sie verdienen. ‘Clear’ ist der erste Schritt in diese Richtung.

Scott Gimple, der diese Episode geschrieben hat und in Zukunft auch Glen Mazarra als ausführenden Produzenten ersetzen wird, hat mit ‘Clear’ die mit beste Episode der Staffel, wenn nicht sogar der Serie, geschaffen. Nur noch der Pilot und ’18 Miles Out’ kommen als Vergleiche auf und all diese Episoden haben eines gemeinsam: Sie konzentrieren sich auf einzelne Figuren, begrenzen ihren Spielraum und beschäftigen sich mit mehr als der direkten Gefahr gefressen oder getötet zu werden.

Schauen wir mal, wo wir vor ‘Clear’ waren. Michonne ist seit Anfang der Staffel bei uns und wir haben immer noch nicht die geringste Ahnung, wer sie in Wahrheit ist. Ja, sie ist robust und misstrauisch, lag mit ihrer Einschätzung des Governors richtig, aber mehr nicht. Woher kommt sie? Was hat sie vorher gemacht? Wie kommt sie mit allem klar? Woher hat sie ihr Katana? Carl ist dank des Zeitsprungs zwischen den Staffeln vom kleinen neugierenden und teilweise nervigen Kind zum kleinen Supersoldaten mutiert, was im Gnadentod seiner Mutter gipftele. Rick warf all das komplett aus der Bahn und zuletzt sah er Lori umherwandern und verschwand im Gebüsch außerhalb des Gefängnisgeländes. Es ist beachtlich, dass die Charaktere und die Taten dieser Figuren höchst umstritten sind, wenn sie in den Comics doch die absoluten Fanfavoriten sind.

Die Episode beginnt auf der Straße und wir kehren zurück in die Heimatstadt von Rick. Dies ist schon einmal rein aus thematischer Hinsicht ein großartiger Schachzug, weil es unseren zwei Hauptfiguren einen Spiegel vorhält. Wie weit sind sie gekommen? Was haben sie opfern müssen – und wie hat sie diese Welt verändert? Zu alledem kommt noch Morgan in den Mix, der großartig von Lennie James gespielte Retter von Rick in der allerersten Folge. Ihre Schicksale sind gleich, doch während für Rick immerhin eine emotionale Auffanggruppe wartete, musste Morgan alleine bleiben und zog sich in seine eigene Welt zurück, die er damit beschreibt, dass sich die Guten und die Bösen gegenseitig zerstören und nur die Schwachen, wie er selbst, überleben und leiden müssen. Er bittet sogar Rick ihn zu erschießen, er selbst findet keinen Mut für den Selbstmord. Morgan ist trotz seiner so kurzen Screentime einer der interessantesten Charaktere und ich hoffe, dass seine Entscheidung, sich Rick und Co. nicht anzuschließen, nicht endgültig war. Im Comic schließt sich Morgan Rick an, obwohl dies zeitlich nach dem Gefängnis stattfindet, weshalb ich meine Hoffnung nicht aufgebe.

Carl hingegen ist ein kleiner emotionsloser Supersoldat geworden – von einem Extrem ins andere. Doch ‘Clear’ gibt ihm Zeit ein wenig aus seiner Rolle zu schlüpfe und wieder Kind, bzw. Sohn, zu sein. Rick zeigt ihm zu Beginn der Episode wie man ein festgefahrenes Auto wieder befreit. Die Szene ist vollkommen natürlich und wirkt nicht gezwungen, die Erziehung ist ehrlich, aufrichtig und zeigt, dass das Verhältnis zwischen den Beiden nicht zerstört ist und dass Rick seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft – zumindest für seinen Sohn – nicht aufgegeben hat. Als Carl vor der aufgezeichneten Karte steht, wirkt er wie ein Collegestudent, der nach langer Zeit wieder in seine Heimat zurückkehrt. Hat sich die Stadt verändert? Oder doch eher er selbst? Sein Haus ist abgebrannt, doch er möchte eine Babykrippe für Judith besorgen. Anzeichen für das Superkindersoldatensyndrom, doch Michonne geht mit ihm mit aus einer Vermischung aus aufrichtiger Sorge um den Jungen und weil sie das Gespräch zwischen Rick und Carl zu Beginn der Episode überhörte und weiß, dass sie Carl auf ihre Seite bringen muss.

Carl ist natürlich genervt davon; einerseits, weil er denkt, dass er Michonnes Hilfe nicht braucht – und weil er eine Geheimmission hat. Er will sich davonstehlen und wird von Michonne in seine Schranken verwiesen. Michonne zwingt sich ihm auf und Carl ist bald schon froh, dass er sie dabei hatte. Carl bekommt das Familienphoto für Judith, wobei er das sicherlich auch für sich selbst tat und Michonne rettet eine… Katzenskulptur, die einfach zu hübsch war um sie zurückzulassen (eine gern gesehene Auflockerung in einer Serie, die sich stets einen Tick zu ernst nimmt. Nichts ist immer lustig und nichts ist immer ernst).

Das sind keine riesigen Entwicklungen oder Offenbarungen. Es sind kleine Momente. Doch diese kleinen Schritte, die uns etwas über die Figuren aussagen, bilden im Laufe der Zeit Charaktere heraus, die wir kennen und deren Entscheidungen wir nachvollziehen können. Wenn die Gruppe stets nur aufeinander gepfercht rumsitzt und diskutiert, bleibt am Ende meistens nur ein Satz in einer Diskussion für jede Figur übrig. Der Moment verblasst, wir erinnern uns an die Diskussion, nicht die Charaktere. Momente aber schärfen unser Bild von den Charakteren. Michonnes Katzenfigur ist schon so populär, dass es darüber bereits Parodiecomics gibt.

‘Clear’ ist kein großes Fernsehen. Aber es ist der erste Schritt in eine bessere Zukunft für die Serie, die nicht mehr nur zwischen Soap und Horror/Action hin- und herwechselt, sondern beides intelligent verbindet zu der großartigen Unterhaltung, die der Comic schon immer war. Er erzählt die Geschichte von einem Vater und seinem Sohn in einer von Zombies überrannten Welt – und die Anzeichen, dass wir bald mehr von dieser Welt sehen werden, werden mit dem verzweifelten Tramper und der lateinamerikanischen Familie auf der Brücke ersichtlich. Alleine diese Instanzen würden sich in der kommenden Staffel für Handlungen reichen, die sich über ganze Episoden erstrecken könnten. Dazu richten sich die an Hauswände gesprühten Warnung Morgans sicherlich auch nicht an die Zombies. Staffel 4 verspricht Chaos auf der Straße, Figuren werden aufgeteilt, müssen Besorgungen machen, Mitgefühl wird spärlich sein. Da draußen gibt es eine Welt zu erkunden in der das Potential schlummert, The Walking Dead die Qualität zu verleihen, die der Popularität um die Serie würdig wird.