‘Take Shelter’ Review

06 Dec, 2012 · Sascha · Film,Review

USA, 2011
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
Darsteller: Michael Shannon, Jessica Chastain, Shea Whigham
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12
Rating: ★★★★★

Mit ‘Take Shelter’ ist Jeff Nichols ein kleines Meisterwerk im amerikanischen Hinterland gelungen, in dem Michael Shannon eine Darbietung abliefert, die den Oscar bei der letztjährigen Verleihung mehr als verdient hätte.

Sein Curtis LaForche hat den amerikanischen Traum erreicht: Familie, Haus, Hund. Er ist Vorarbeiter bei seiner Firma, Familie und Freunde mögen ihn und sogar die Operation für seine taube Tochter wurde endlich von der Krankenversicherung genehmigt. Alles wäre gut, wenn da nicht plötzlich Träume wären, die Curtis’ Leben auf den Kopf stellen.

Sie beginnen stets mit einem aufziehenden Sturm in der Ferne. Manchmal regnet es eine gelbliche, ölige Substanz, in einem anderen Traum fallen tote Vögel aus riesigen, sich unnormal fortbewegenden Schwärmen (als wollten sie ihm etwas mitteilen) zu Boden. Doch sie enden immer gleich. Ein Familienmitglied oder Freund wendet sich gegen ihn. Der Hund beißt ihn so stark in den Arm, dass er den Schmerz noch Stunden später auf der Arbeit spürt. In einer anderen Traumsequenz steht seine Frau in nassen Kleidern in der Küche. Die beiden starren sich an, Curtis’ Blicke flehen um Gnade während ihre Hand eine kurze Bewegung zum Messerblock macht. Er wacht auf, ist schweißgebadet und zieht sich immer mehr zurück.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder verliert Curtis den Verstand oder er ist wirklich ein Prophet, der den Untergang der Welt vorhersehen kann. Für Ersteres spricht, dass seine Mutter vor Jahren wegen Schizophrenie in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Doch Curtis ist ein kluger Kopf. Er trifft Vorbereitung für beide Fälle, verliert sich aber darin nicht nur selbst, sondern auch seine Familie. Er verheimlicht seine Treffen bei einer psychologischen Beratung vor seiner Familie und benutzt die Urlaubsersparnisse für den Bau eines Luftschutzbunkers im Garten. Als er dafür einen Bagger seiner Firma benutzt, wird er gefeuert und verliert somit auch die Krankenversicherung und die Chance seiner Tochter die Operation zu ermöglichen.

Er ist ein tragischer Held, er meint es nur gut und rutscht immer tiefer. Als Zuschauer ist man zwiegespalten: Einerseits ist es wahrscheinlich, dass wir Curtis dabei zusehen, wie er ins Dunkel abdriftet, andererseits spielt Michael Shannon seine Figur mit solch einer Intensität, dass wir nach den von Nichols großartig inszenierten Szenen selbst glauben, dass die Welt kurz vor dem Untergang steht.

Als er kurz davor ist alles zu verlieren, gehen in der Nacht die Tornadosirenen der Stadt an. Curtis rettet sich mit seiner Familie in den Bunker. Als der Sturm aufhört, traut er sich nicht die Luke zu öffnen. Dahinter liegt die Wahrheit, verliert er den Verstand oder hatte er all die Zeit doch Recht? Das Ende des Films ist genauso ambivalent wie diese Szene. Manche Kritiker beschrieben sie als naive Auflösung, andere als großartigen Twist und selbst Nichols weigerte sich die Szenen in einem Interview auf eine einzige Weise zu lesen. Es ist der perfekt inszenierte, liebevolle Abschluss für einen großartig gefilmten Film mit unglaublich präsenten Darbietungen von Shannon und Jessica Chastain und Traumszenen, die einen noch lange nach dem Kinobesuch beschäftigen und mich bis heute nicht loslassen.