Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Stephen Chbosky
Drehbuch: Stephen Chbosky
Darsteller: Logan Lerman, Emma Watson, Ezra Miller, Paul Rudd
Länge: 104 Minuten
Rating: ★★★★½

“Right now we are alive and in this moment I swear we are infinite.”

Wer Jugendbuchliteratur angelsächsischer Autoren kennt, der kennt ‘The Perks of Being a Wallflower’. Wer Jugendbuchliteratur angelsächsischer Autoren liebt, der liebt ‘The Perks of Being a Wallflower’. Ja, meiner Ansicht nach geht in dem inzwischen mächtig gewachsenen Feld von “Young Adult Literature” nichts um Stephen Chboskys modernen Klassiker herum. Gerade deshalb ist eine Filmadaption eine schwierige Sache, immerhin kann die wahre Vision eines Autoren nie wahrhaftig auf die Leinwand transportiert werden, richtig? Falsch, denn Chbosky, der seit der Veröffentlichung seines Briefromans auch als Drehbuchautor in Hollywood gearbeitet hat, schrieb nicht nur das Drehbuch für die Adaption, sondern führte auch dazu noch Regie. Gute Nachricht für alle Fans: Mit Erfolg.

Charlie (Logan Lerman) hat nach dem Selbstmord seines besten Freundes eine schwierige Zeit hinter sich. Doch eine Möglichkeit zum Neuanfang lauert in Form dem Beginn der Highschool am Horizont. Schnell lernt er jedoch, dass er es als introvertierte Leseratte nicht leicht hat. Noch am ersten Tag beginnt er die Tage bis zum Abschluss zu zählen um dieser Hölle zu entkommen. Doch das ändert sich als er die Stiefgeschwister Sam (Emma Watson) und Patrick (Ezra Miller) kennenlernt, die ihm eine neue, unendliche Seite des Lebens aufzeigen. Doch trotz neuer Freunde und genialer Partys schlummert tief in Charlie eine tiefe Traurigkeit, wie eine tickende Zeitbombe.

Es gibt da eine Szene relativ am Anfang des Films. Nach einer Party fahren Sam, Patrick und Charlie in einem Pick-up-Truck durch einen Tunnel in einer nicht näher zu erkennenden Stadt (es wird suggeriert: es könnte Deine sein) und es läuft David Bowies “Heroes” im Radio. Sie erkennen den Song nicht, doch das spielt keine Rolle. Es fühlt sich richtig an. Sam begibt sich auf die Ladefläche, breitet ihre Arme auf und genießt den Fahrtwind und die Musik, kurz: den Moment. Sam, träumerisch und verliebt, himmelt sie an, bis er realisiert: Alles passt, trotz meiner Probleme. Es sind diese magischen Momente im Leben in denen wir alles vergessen und sich alles gut anfühlt. Als ob uns nichts etwas anhaben könnte und wir niemals sterben. Wir fühlen uns unendlich. Wofür Chbosky in seinem Roman Seiten braucht, schafft er hier visuell und musikalisch untermalt in wenigen Sekunden.

‘The Perks of Being a Wallflower’ ist ein Roman, der von seinen Figuren lebt und daher war das Casting ein essentieller Teil auf dem Weg zur erfolgreichen Adaption. Wenn jemand die Figuren besser kennt als jeder andere, dann Chbosky, der ein glückliches Händchen bei seiner Auswahl besaß. Logan Lerman zeigt die ganze Breite seines Talents und empfiehlt sich mit dieser Rolle auch für weitere Dramen abseits seines bisherigen Spektrums mit einer Performance, die die zaghafte Unsicherheit, beginnende Freude und dennoch tiefe Traurigkeit seines Charakters zu zeigen und kontrollieren weiß. Ezra Miller überrascht nach der kongenialen Rolle als amoklaufender Teenager in ‘We Need To Speak About Kevin’ mit seinem überschwänglich sympathischen Patrick und Emma Watson macht in einer reifen Darstellung der Sam, soviel wie ihr Manic Pixie Dream Girl hergibt.

Chboskys Regiearbeit ist nicht phänomenal. Trotzdem liefert er eine solide Arbeit ohne große Überraschungen und Firlefanz ab, die insbesondere dank Andrew Dunns Photographie im Gedächtnis bleibt; fängt sie doch visuell dank Grobkörnigkeit und leichten Farben einen gewissen unverwechselbaren Look der frühen 1990er ein. Viel mehr Lob gebührt Chboskys Vermögen mehrere Fäden der Geschichte wesentlich besser über die Laufzeit des Films anzudeuten und langsam zu verbinden und in Sequenzen vor allem musikalisch zu untermalen. Hier sind die Szenen zu finden, in der der Film über seine Vorlage dank des Mediums hinauswächst.

Jeder hat seine Geheimnisse und Probleme. Charlies Probleme sind größer als die der meisten Teenager. Ebenso wie die der anderen Figuren. Ein angelsächsischer Kritiker bemängelte, dass der Film suggeriert, nur wer misshandelt, gemobbt oder verprügelt wird, eine richtige oder intensive Jugenderfahrung hat. Das ist natürlich Quatsch. Der Film erzählt eine Geschichte und so krass die Probleme der Figuren auch sein mögen, man fühlt mich ihnen.

‘The Perks of Being a Wallflower’ ist eine liebevolle Adaption eines modernen Klassikers. Die Geschichte, ihre Figuren und deren Probleme sind zeitlos. Die schwierige Adaption des Briefromans klappt dank Regisseur, Cast und Soundtrack.