‘The Amazing Spider-Man’ Review

15 Jul, 2012 · Sascha · Film,Review

Vereinigte Staaten, 2012
Regie: Marc Webb
Drehbuch: James Vanderbilt, Steven Kloves, Alvin Sargent
Darsteller: Andrew Garfield, Martin Sheen, Sally Fields, Rhys Ifans, Emma Stone
Länge: 136 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★☆☆

Manchmal ist Schmonzette gut. Als Sam Raimi seine Spider-Man Trilogie plante, war die Welt noch komplett anders. Das ist keine Übertreibung, die Twin Towers standen noch und sollten in einem abgedrehten Teaser sogar prominent gezeigt werden. Das Superhelden-Genre wie wir es heute kennen, mit drei oder vier großen Titeln pro Jahr, steckte gerade in seinen Kinderschuhen. Raimi und Bryan Singer (mit X-Men) legten den Grundstein für das, was wir heute in einer etwas abgewandelteren Form bei Marvel Studios vorfinden. Natürlich nicht zu vergessen ist Christopher Nolan, der mit seinen pseudorealistischen Ansatz bei seiner Batman-Trilogie Studios durch Milliardenumsätze dazu zwang einen neuen, dunkleren Ansatz zu wählen. Plötzlich müssen Superheldenfilme “dark and gritty” sein. Funktioniert es nicht, war es nicht “dark and gritty” genug, habe ich recht, Hal? Das kann doch nicht die Lösung sein. Dunkle Seiten gibt es in uns wie in Superhelden, doch den Spaß sollte man nicht vergessen. Whedon hat das bewiesen. Wieso also Raimi nicht einen viertel Teil drehen lassen? Geld.

‘The Amazing Spider-Man’ ist eigentlich ein Film, den niemand wollte. Weder Sam Raimi und seine Schauspieler, die gerne noch einen vierten Teil gedreht hätten, noch die Fans der Filme oder die wirklichen Fans, die Spidey lieber im Marvel Cinematic Universe rumspinnen sehen würden. Doch damit man die Rechte behält, muss man einen Film produzieren, also ein Reboot, weil billiger, realistischer, “darker and grittier”, weil genau das ja der Fehler in Spider-Man 3 war. Versteht das nicht falsch, das Reboot von Marc Webb mit Andrew Garfield und Emma Stone ist weit davon entfernt ein Fehlschlag zu sein, doch der große Befreiungsschlag, die endgültige filmische Version der “Spinne”, ist es auch nicht. Dabei passt Andrew Garfields Physik fantastisch, seine emotionale Weite überflügelt die von Tobey Maguire bei weitem und der Ansatz ist vielversprechend. Raimis Filme starteten in einer anderen Zeit, und blieben dort. Nun ist Peter Parker im neuen Jahrtausend. Nerd is chic. Peter ist cool: Er skatet, seine Photos sind beliebt und er hat eine Freundin – ganz ohne, dass der Spider-Man ist. Die Beziehung von Gwen und Peter wird durch Spider-Man vertieft, nicht erst ermöglicht, wie es bei Raimi noch der Fall war, wo der Nerd erst eine Maske braucht um eine Chance zu haben.

Martin Sheen und Sally Fields als Petes Onkel und Tante funktionieren ebenso grandios, Sally Fields hat zwar nicht viel zu tun, aber ihre sorgende Blicke sind denen eines Alfreds nicht fern. Ben Parkers neue, engere Bindung im Film vollzieht Wunder und sorgt für einige der rührendsten Momente im Film. Was Vanderbilt in der ersten Stunde in Spideys Originstory abarbeitet ist magisch, der Ansatz mit den Webshootern und Peters Kostüm ist realistisch und anders genug um ein Reboot zu rechtfertigen und Regisseur Marc Webb liefert mit musikalisch grandios unterlegten Szenen, in denen Peter seine Kräfte entdeckt, den Rest. Das große Problem liegt viel mehr darin, dass man den geplanten vierten Teil mit dem neuen Ansatz vermischte, aber dadurch beide Aspekte an Reiz verlieren. Das fantastische Element des Lizards, ein Mann, der zu einer wahrhaftigen, überdimensionalen Echse mutiert, steht im starken Kontrast zu dem realistischen Ansatz von Spider-Man, der nun Spinnendrähten von Oscorp braucht, um sich durch New York zu schwingen. Ebenso werden Plotlines eingeführt, die nicht wieder aufgegriffen werden. Am ärgerlichsten dabei ist wohl, dass einem die “Untold Story” versprochen wurde, aber man wohl in letzter Minute alles aus dem Film rausstrich um es sich für den zweiten Teil aufzuheben. Dazu werden Subplots wie die Jagd um Onkel Bens Mörder, die Polizisten, die der Lizard verseucht und in Echsen verwandelt, sowie was mit dem Vorarbeiter von Connors bei Oscorp geschah, einfach fallen gelassen. Ironischerweise sind viele Szenen aus diesen rausgeschnittenen Plots in den Trailern vorhanden.

Dadurch wirkt der Film oftmals hektisch, der Schnitt hüpft unkontrolliert von Szene zu Szene, insbesondere der dritte Akt fällt völlig aus der Reihe. Curt Connors ist als Charakter ohnehin so schlecht gezeichnet, aber dass er dazu noch Peter retten darf, macht absolut keinen Sinn. Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, den man nicht retten muss, wenn er von einem Hausdach fällt, dann Peter Parker. Ebenso versteht wohl niemand die Beweggründe Connors plötzlich eine Gaswolke auf Manhattan niederregnen zu lassen. Ja, er ist eine Echse und will alle anderen Menschen auch in Echsen verwandeln, weil er plötzlich merkt, wie toll das ist, aber es will trotzdem keinen Sinn machen. Liegt wohl vor allem daran, dass er keine Persönlichkeit besitzt, außer, dass ihm ein Arm fehlt, was. er in. jeder. Szene. anmerkt. In die gleiche Schiene fällt die Szene, in denen New York Spider-Man helfen muss. In der Zeit von Raimi funktionierte das im Post-9/11-Trauma wunderbar, hier wirkt es gezwungen, wie eine Szene, die auf einer Liste stand, was in einen guten Spider-Man-Film muss.

Trotz allem ist das Reboot keine Enttäuschung. Es funktioniert als Film, auch wenn es nicht komplett befriedigt. Der Film ist mehr “vertane Chance” als Fehlschlag. Kein radikaler Neuanfang, langweiliger Bösewicht, keine große Enthüllung und dazu fehlen Schlüsselkomponenten wie die Osborns oder der Daily Bugle. So richtig ohne Origin-Geschichte hätte dieser Schritt ins neue Jahrtausend nicht gelingen wollen (zumal das der beste Teil des Films ist), aber dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass es sich hier nur um das filmische Fundament für weitere Filme handelt. Das ist nicht verwerflich, das machen andere Filme schließlich auch, nur können die es besser vertuschen und erzählen noch eine Geschichte. Viele der Probleme liegen im Drehbuch, nicht bei Marc Webb, der hier seinen ersten Actionfilm mit Bravour abliefert und hoffentlich weiterhin als Regisseur für einen weiteren Teil zur Verfügung steht, in dem dann mal eine stringente Geschichte erzählt wird und nicht Knetmassen von links und rechts zu einem Mischmasch zusammengedrückt werden.