Vereinigte Staaten, 2011
Regie: Andrew Niccol
Drehbuch: Andrew Niccol
Darsteller: Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Cillian Murphy
Länge: 109 Minuten
FSK: 12
Rating: ★★★☆☆

“No one should be immortal if even one person has to die.”

Andrew Niccol ist ein wahrer Auteur, ohne Zweifel. Sein großer Durchbruch Gattaca ist bis heute kaum gealtert, die Dialoge immer noch zeitgenössisch und die Thematik könnte kaum aktueller sein. In ‘In Time’ nimmt sich Niccol erneut angeborener sozialer Ungerechtigkeit an: Die Menschen hören ab 25 auf zu altern und Zeit wird zur Währung. Die Superreichen sind praktisch unsterblich, während die Armen täglich buchstäblich ums Überleben kämpfen. Die Menschen leben dank Segregation in verschiedenen “Zeitzonen”. Die restliche Lebenszeit wird auf dem linken Unterarm digital abgebildet und kann per Handschlag mit jedem Individuum getauscht werden.Will Salas (Justin  Timberlake) kommt von ganz unten. Eines Tages trifft er einen steinalten Mann, der ihm seine Zeit schenkt, weil er nicht mehr leben möchte. Doch das System sieht sowas nicht gern…

Es ist eine interessante Welt, die Niccol dort kreiert. Dennoch erinnert sie natürlich an Gattaca. Wenn es 1997 Sozialkritik an der immer prominenter werdenden Genforschung war, ist es 2011 die Kritik am Kapitalismus, der sozialen Ungerechtheit, der Wall Street und allgemein eine Allegorie für die Unterschiede in den USA, ausgelöst durch die Finanzkrise. Problematisch ist dabei nicht was Niccol mit ‘In Time’ ausdrücken will, sondern wie, denn verschwunden sind die wunderschönen Dialoge, der stille Kampf um Menschlichkeit, der fantastische Soundtrack oder das Geschick einer subtilen Kritik, gewichen für mehr Action und Dialoge, die keine mögliche “time”-Referenz (‘We’re running out of time.’, ‘Don’t waste my time.’, uvm.) auslassen.

Am ärgerlichsten aber ist die Welt, die uns Niccol verkaufen will. Will erklärt uns in den einleitenden Sätzen des Films, dass er nicht weiß, wie es dazu kam, dass die Zeit als Währung genutzt wird, oder dass niemand mehr altert – und das muss uns Zuschauern dann auch schon als Begründung reichen. Niccol beraubt sich hier selbst, denn gerade die Szenen in Gattaca, die genau zeigen, wie Unterschiede entstehen, wieso und warum jetzt genetisch veränderte Embryos natürlichen vorgezogen werden, lassen die Welt real und greifbar wirken, sie machen sie menschlich.

Die Welt von ‘In Time’ existiert schon eine ganze Weile. Es gibt Menschen, die haben schon mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel – und die Zeit musste ja auch erst einmal so voranschreiten, damit wir eine Technologie besitzen, die uns nicht mehr altern lässt. Es ist also fair anzunehmen, dass der Film 160-200 Jahre in der Zukunft spielt. Der klassische Retrostil, der schon in Gattaca präsent war, ist auch hier wieder zu finden. Es ist sogar vorstellbar, dass beide Filme im gleichen Universum spielen. Aber Gattaca zeigte uns eine Zukunft, die vielleicht in den 2030ern spielt – nicht 2230. Wohl dem 40$ Millionen Budget geschuldet, sieht ‘In Time’ verdammt alt aus. Sollen wir daraus schließen, dass der technologische Fortschritt zur Ruhe kommt, nur weil der Mensch aufhört zu altern? Höchst unwahrscheinlich.

Fazit: In Time ist ein solider Action-Film mit guten Schauspielern und einem klugen Regisseur / Autor, der etwas zu sagen hat. Das gibt es noch selten heutzusage auf so großem Stil. Und dennoch bleibt ‘In Time’ hinter den Erwartungen eines Auteurs zurück, der Gattaca gemacht hat. Nicht subtil genug, oft mit dem Knüppel wird einem die Sozialkritik eingehämmert; cheesige Dialoge und eine Geschichte, die gegen Ende immer dünner wird, helfen auch nicht.