Disney und der Mars

20 Mar, 2012 · Sascha · Featured,Film,Personal


via First Showing

Manchmal hat jemand eine tolle Idee in Hollywood. Manchmal haben zwei Autoren die gleiche Idee zur gleichen Zeit. Und manchmal produziert ein Studio schnell einen Film, weil es befürchtet, dass ein anderes Studio gerade die neue, heiße Scheiße produziert, auf die die Leute abfahren werden. So passiert es, dass in manchen Jahren zwei sehr ähnliche Filme in die Kinos kommen. Das war letztes Jahr so, als jemand mit der Idee “Freunde haben auf einmal Sex” (No Strings Attached, Friends with Benefits) ankam, 1998 war es ein Asteroid, der die Erde zerstören soll (Deep Impact, Armageddon), und im Jahr 2000 war es der Mars, der kolonialisiert werden will (Mission to Mars, Red Planet).

Seither war aber niemand mehr auf dem Mars. Der Grund: Geld. 2000 bombten nicht nur zwei Filme am weltweiten Box Office auf spektakuläre Art und Weise, sondern auch der Mars selbst. Erst 2011 traute sich Disney mit seinem Animationsfilm ‘Mars needs Moms’ wieder an den roten Planeten und erlebte einen der schlimmsten Flops der Filmgeschichte.

Kein Wunder also, dass Disney, die auch Andrew Stantons Adaption von Edgar Rice Burroughs’ Buchreihe um John Carter produzierten, den eigentlich geplanten Titelzusatz “of Mars” schnellstens strichen. Sogar Poster waren schon im Umlauf, die alle das überaus nette JCM Logo zeigten. Aber für John Carter hieß es Kommando zurück. In Interviews gaben zwar Regisseur Stanton und die Schauspieler mehrfach an, dass der Titel geändert wurde, weil der Charakter John Carter sich seinen Titel erst im Laufe des Filmes verdienen muss, aber wir wissen alle, dass das wohl marketingtechnisch nur klug eingerenkt wurde und eigentlich gelogen ist. So sinnvoll und, wenn man den Film gesehen hat, einleuchtend diese Erklärung auch sein mag, waren es am Ende wohl eher doch die Disney Executives, die einen weiteren Flop vermeiden wollten.

Die Angst war wohl berechtigt, denn jetzt haben wir den Salat. Andrew Stantons, zweimaliger Oscar-Gewinner für ‘Wall-E’ und ‘Findet Nemo’, erster Live-Action-Film fährt gerade einmal 30 Millionen US-Dollar (in den USA, weitere 70 Millionen weltweit) an seinem ersten Wochenende ein – das ist weniger als ein Zehntel seines angeblichen Budgets von bis zu 350 Millionen! Das ist eine verdammte Schande, denn der endgültige Film ist eine wunderbare Hommage an klassische Sci-Fi-Abenteuer. Der Film ist abenteuerlich, reich an Mythologie, schön geschossen und schlicht und einfach unterhaltend von Anfang bis Ende. Woran liegt es also, dass John Carter so schrecklich floppen konnte? Ich kann es euch sagen: Disney.

Selbst Edgar Rice Burroughs wusste, dass man mit einem Durchschnittsnamen wie Horst, Heinz oder John Carter keinen Blumentopf verkaufen kann und hat lediglich ein Buch, das letzte von elf, nach seinem Helden benannt. Der Rest ist spektakulär benannt und trägt jeweils stets den Titelzusatz “of Mars” – Kinokassengift in Disneys Buch. Also heißt der gute Film nun schlicht wie sein Titelheld. Aus Angst, Fans des Originals zu verärgern, würde man es in etwas komplett Neues ändern? Aus Angst, dass “A Princess of Mars” bei der wichtigen Demographie der männlichen Jugendlichen nicht ankommt? Des Versuches wegen, den Charakter zu einer mythischen Figur zu erheben? Ich kann es mir nicht erklären. Ich weiß nur, dass John Carter – sofern man den Film nicht gesehen hat, nichts darüber weiß und das Plakat einfach so sieht – langweilig ist. Und das ist nie gut. Niemand hätte einen Film namens Jake Sully sehen wollen.

Aber nicht nur beim Namen hat Disney das Kind fallen gelassen, sondern vor allem beim Marketing. Wenn man soviele Millionen, fast ein Drittel des Gesamtbudgets, für die Vermarktung eines Films ausgibt, dann sollte man sich auch Gedanken darüber machen, was man da an jede Hauswand, Bushaltestelle, LCD-Screen oder Litfasssäule klebt. Schon beim ersten Trailer hat Disney es völlig verpasst den Charakter und seine Geschichte gebührend und einfach einzuführen. John Carter ist ein klassischer Filmprotagonist. Er ist der Opa von Luke Skywalker, Peter Parker oder sogar Jake Sully aus Avatar. Deren Geschichte ist nämlich fast identisch. Ein Typ, der gerade am Tiefpunkt seines Lebens ist, kommt auf eine fremde Welt, auf der übernatürliche Kräfte hat und sich den Ureinwohnern anschließt. Screenwriting 101. Schaut euch mal den Avatar-Teaser an, der das fast ohne Dialog schafft zu erzählen, und vergleicht das mit dem ersten John Carter Trailer.

Es spielt leider keine Rolle, ob jetzt massenweise Artikel geschrieben werden, dass es ohne JC kein Star Wars, Star Trek oder Avatar gäbe, wenn der eigentliche Trailer und das Marketing es verpassen bzw. nicht schaffen, dies dem Publikum klarzumachen.

Es ist bezeichnend, wenn ein aus Clips und Trailern zusammengeschnittener Fan-Trailer mehr Sinn macht und die Geschichte dem Zuschauer besser näher bringt, als das offizielle Material. Nicht ohne Grund wurde der Trailer von Stanton und Anderen retweetet.

All das würde mich eigentlich nicht stören, denn schlechtes Marketing hindert mich nicht daran, einen Film zu sehen, für den ich mich interessiere. Es hindert mich auch nicht daran, den Film überaus toll zu finden, was ich tue. Es hindert mich aber daran, mehr von Barsoom und John Carter zu kriegen, denn die Chancen auf ein Sequel, dem mit dieser klassischen Origin-Story eine perfekte Basis gelegt wurde, sinken gegen Null.

Stanton hat mich dazu gebracht in diese Welt und den Charakter, so stumpf und schroff er zu Beginn daher kommt, zu investieren. Und daher will ich mehr sehen. Es ärgert mich einfach, wenn es weder dem Cast oder der Crew, sondern dem verfehlten Marketing eines Studios und dem dadurch verbundenen Zuschauerschwund geschuldet ist, dass das nicht passieren wird.

Zu alledem kommt noch jetzt noch der Todesschuss von Disney, denn man hat via Presse verkünden lassen, dass der Film wohl 200 Millionen miese machen wird. Das, bei einem Film, der noch in den Kinos läuft, so öffentlich zu tun, ist eine Beleidigung, es grenzt an eine Ohrfeige, für Stanton und jeden Beteiligten. Da sind nicht einmal Spielzeug, Merchandise, TV- und Home-Video-Verkäufe mit drin einberechnet – diese Zahl dann so zu veröffentlichen ist eine bodenlose Frechheit. Ironischerweise ist Disney selbst schuld und sie merken es nicht einmal. Die Dinge werden wohl so weitergehen. Gute Poster, wie das obige, werden wir wohl weiterhin von indie-Künstler via Mondo kaufen müssen und gute Filme werden trotzdem im Kino laufen.

  • Du hast so Recht – ausser damit, dass der Film gut ist. Aber lassen wir das, ich finde ehrlich gesagt, die anderen Punkte spannender.

    Die Titeländerung habe ich nie von diesem Standpunkt aus betrachtet, so macht das schon Sinn. Ich habe da einfach geschluckt, was mir Disney sagte, aber ich muss auch zugeben, ich kenne die Situation mit Mars nicht so gut.

    Und ja, Disney tritt sich damit selber ans Schienbein. Dumme Kerle. Ich hab mich auch gewundert, warum die das schon so absolut sagen – als wollten sie verhindern, dass noch wer den Film guckt. Ts.

  • reeft

    Jap, oder vielleicht natürlich erhoffen, dass es so zusätzlichen Buzz gibt und die Leute sich fragen, ob dieser JC wirklich so “schlecht” sein kann, dass er so viel Miese macht?

  • Hab ich mir nach dem Absenden auch gleich gedacht, dass das vielleicht die Strategie war. Und dass man damit die Fans des Films aus den Löchern, in die sie sich verkrochen zu haben scheinen, wieder hervorzerrt.

  • Also der Film war wirklich unterhaltsam und sah ziemlich gut aus (obwohl ich oft das Gefühl hatte, alles schon einmal gesehen zu haben…)
    Das Marketing habe ich ehrlich gesagt gar nicht verfolgt, habe nur mitbekommen, dass meine Kumpanen überhaupt nicht wussten, worum es bei JC überhaupt geht. So viel Geld für Werbung ausgegeben und durchaus erfahrene Internetuser bekommen davon gar nichts mit – irgendwie komisch.

  • reeft

    Najaaaa, da muss man schon recht blind gewesen sein ^^ Besonders im Internet.
    Natürlich war alles nicht so frisch, aber ich fand JC war erfrischend leichte und unterhaltende Kost, im Vergleich zu Episode II, der sich ja im letzten Drittel sehr an JC orientiert hat.

  • Was mich ja am Trailer (sowohl dem originalen als auch der Fan-Version) am meisten gestört hat, war das verwendete Titellied, bekannt aus “Godzilla”. Ich meine, trashiger geht’s ja wohl kaum, was mich auch vom Besuch abgehalten hat.

  • reeft

    Öhm……………. okay? Die fertige Filmmusik stammt aber von Michael Giacchino, Oscargewinner für UP und verantwortlich für LOST, MI:Ghost Protrocol, Star Trek, Super 8, Speed racer und noch ein paar schönen Sachen. Wieso tust du dir nicht einen Gefallen und schaust ihn dir mal an?

  • Ich denke, es geht hier mehr um’s Marketing?! Und da ist die Trailermusik meines Erachtens gänzlich fehlplatziert und vermittelt auch keinen guten ersten Eindruck.

  • reeft

    Ja, es geht ums Marketing, ich gebe dir auch recht und dass du dich so entschieden hast, zeigt ja nur, dass ich Recht habe, aber ich sage ja nur: Die Musik im Film ist sehr toll und du solltest ihn dir anschauen, besonders als SW Fan

  • Achso. =) Da glaube ich dir mal mit der Filmmusik, doch zu einem Kinobesuch wird es wohl dennoch nicht kommen (was aber auch an mehreren privaten Faktoren liegt).

  • reeft

    Naja, schade.

  • WAS ZUR HÖLLE??? MICHAEL GIACCHINO NICHT KENNEN???
    http://blog.darux.bplaced.net/wp-content/uploads/2010/01/ffuuu.jpg

  • Ich kenne ihn doch, wusste aber nicht, dass er die Filmmusik gemacht hat!

  • Nana, jetzt kannst du dich auch nicht mehr herausreden. :D