Originaltitel: Midnight in Paris
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Darsteller: Owen Wilson, Rachel McAdams, Marion Cotillard, Kathy Bates, Michael Sheen
Produktion: Mediapro, Gravier Productions
Verleih: Sony Picture Classic, Pathé
Länge: 100 Minuten
FSK: 6 Jahre
Start: 18. August 2011

“I’m having trouble because I’m a Hollywood hack who never gave real literature a shot.”

Woody Allen ist einer der am härtesten arbeitenden Leute in Hollywood. In den letzten Jahren hat er fast jedes Jahr einen Film herausgebracht, manchmal auch zwei. Als wahrhafter Auteur schreibt und dreht er seine Filme selbst, was zwar doppelt soviel Arbeit ist, ihm aber Spaß macht. Immerhin ist die Finanzierung eines Woody Allen Films dank seiner Marke und seinem Erfolg über Jahrzehnte hinweg kein Problem und somit kann er tun und lassenwas er will. Das führt aber auch dazu, dass nicht jeder Film ein weiter Wurf ist. Besonders in den letzten Jahren sind seine Filme eher Mittelmaß, wenn natürlich auch gehobenes und mit einem gewissem Charme.

Das ändert sich mit dem Film ‘Midnight in Paris’, der dem Drehbuchautor Gil und seiner Verlobten auf einen Urlaubstrip nach Paris folgt und zu verzaubern weiß. Es gibt relativ am Anfang des Films einen kleinen Spoiler, der, wenn man ihn nicht kennt, diesen noch magischer wirken lässt; es ergibt aber keinen Sinn über den Film zu reden, wenn man diese Vorschau nicht anspricht. Zumal er die Prämisse des Films und nicht sein Inhalt ist. Gil strauchelt mit seinem ersten Roman und seiner Beziehung. Eigentlich will er keine Auftragsdrehbücher abliefern, sondern viel lieber in Paris leben und den Zauber der Stadt einfangen. Hinzu kommt, dass er ein großer Nostalgiker ist und auf Generationen von Autoren und Künstlern zurückblickt, die es besser gehabt haben als er- insbesondere das Paris der 20er Jahre hat es ihm angetan.

Als er eines Nachts angetrunken durch Paris spaziert, kann er seinen Augen nicht glauben: Ein vollgeladener uralter Peugeot macht vor ihm halt und die Insassen laden ihn auf eine Party ein. Dort trifft er auf die Fitzgeralds, Hemingway und später auch auf Künstler wie Dali (Adrien Brody in einem der besten Cameos aller Zeiten) und Picasso. Schon bald verliebt er sich in die schöne Geliebte Picassos (Marion Cotillard) und muss sich entscheiden, ob er in seinem persönlichen Golden Age bleiben möchte. Bei seiner Beschreibung der Roaring Twenties ist Woody Allen sehr detailliert und liebevoll, Gil können nicht genug Ikonen begegnen.

Das für den geneigten Zuschauer charmante dabei ist, dass Gil diesen Personen stets alleine begegnet, sie kennt und sie bewundert – wie Allen es tun würde. Nie wird er dabei von einem anderen Charakter begleitet, zum Beispiel seiner Verlobten Inez, einem typisch-amerikanischen Material-Girl, die sich wohl wie viele Normalozuschauer fragen würde: “Wer sind diese Leute, Gil, und wieso flippst du so aus?!”.

Das passiert nie und das macht ‘Midnight in Paris’ zu einem einzigartigen Film, der sich gegen die in Hollywood herrschende Doktrin durchsetzt und eben kein Film für die Masse ist. Wer jedoch ein gewisses kulturelles Allgemeinwissen besitzt, ein Interesse für Kunst und Literatur und vielleicht auch mal das ein oder andere Buch in der Hand hatte, wird ähnlich wie Gil Gefallen an Allens Portrait des surrealistischen Paris haben. Allen trifft außerdem die goldrichtige Entscheidung- getreu seines Hauptmotivs, des Surrealismus- Gils wundersame Reise nie zu erklären, was den Film zu einem modernen Märchen macht, mit ähnlich romatischen und verliebten Stadtaufnahmen von Paris, wie sie zum Beispiel Disney zeichnen würde. So sticht insbesondere der Prolog des Films heraus, der von Touristenattraktionen über kleine Gässchen in Montmartre, Paris so zeigt, wie Allen es sieht und den Zuschauer sehen lassen will. Klar ist, dass er den Normalozuschauer, ebenso wie den Normalotouritst, eigentlich gar nicht anzielt, sondern Intellektuell-kreative wie ihn selbst.

‘Midnight in Paris’ ist ruhig, in der besten Weise wie man das verstehen kann und die beste Alternative zum lauten Kinosommer. Er ist lustig, charmant, intellektuell und wundervoll magisch. Owen Wilson kann einmal wieder zeigen, was für ein wirklich guter Schauspieler er ist und der Rest des Casts ist ebenso fantastisch (alleine für Michael Sheens Charakter Paul, einem der besten Platzhirschen der letzten Kinojahre,  lohnt sich der Kinobesuch). Woody Allen war nie wirklich fort, ist aber trotzdem zurück.

 10/10